Musikalische Brücke über den Polarkreis

Zeitungsbericht: Neues Projekt führt Kammerchor Wilhelmshaven nach Grönland – Unterstützung vom Goethe-Institut

„Wie warm ist es da?“ Diese Frage sei ihm in den vergangenen Wochen häufiger von Mitgliedern des Kammerchors gestellt worden, erzählt dessen Leiter Gerrit Junge. Nicht verwunderlich, dass genau diese Frage viele im 55-köpfigen Ensemble beschäftigt, denn in gut zwei Wochen geht es wieder auf eine Chorreise. Und die führt an einen ganz besonderen Ort: nach Nuuk, in die Hauptstadt Grönlands, einige hundert Kilometer jenseits des nördlichen Polarkreises.

„Aktuell sind dort gerade noch drei Grad“, weiß Junge. „Das ist für diese Zeit relativ warm. Aber bereits im August gab es den ersten Schnee, was ungewöhnlich ist. Auch dort spürt man den Klimawandel. Die Temperaturen sind in Grönland aber gar nicht das Problem. Schlimm ist der eisige Wind, der zum Teil richtig wehtut auf der Haut.“

Workshop wird zur Initialzündung

Der Chorleiter und Kirchenmusiker weiß, wovon er redet, war selbst schon mehrfach auf der riesigen Insel hoch im Norden des Kontinents. Bei einer dieser Reisen sei die Idee entstanden, ein gemeinsames Projekt mit dem Kammerchor Wilhelmshaven auf die Beine zu stellen. „Ich war in Grönland, weil wir dort ein Songwriting-Projekt starten wollten. Aber dann haben wir festgestellt, dass das gar keinen Sinn ergeben hätte. Die sind dort großartig ausgestattet gewesen, hatten ein tolles Studio und wunderbare, eigene Lieder“, erinnert sich Junge. „Ich habe mich allerdings gefragt, wovon die singen?“ Das habe man ihm dann aber ganz schnell vermitteln können. „Fast alle Songs handeln von Leben und Tod. Es ist Trauermusik, bei der aber nicht die Toten beweint werden, sondern ein poetischer Blick auf das Leben geworfen wird.“ Das habe ihn an einen „ähnlichen Schatz in der deutschen Musikliteratur“, an das Brahms-Requiem, erinnert. „Darin verarbeitet er den Tod seiner Mutter - nicht auf Latein, sondern auf Deutsch. Die Leute sollten es ja verstehen und getröstet werden“, erklärt Junge. „So kam ich darauf, diese beiden Musiken zusammenzufügen – mit den Grönländern und dem Kammerchor.“

Natürlich sei das ein sehr ambitioniertes Vorhaben gewesen, räumt er ein, auch aus Kostengründen. Etwa 80.000 Euro habe er für das Projekt veranschlagt. „Aber ich konnte das Goethe-Institut dafür gewinnen. Das war sozusagen der Startschuss. Dazu kommen Sponsoren und ein Drittel der Kosten müssen wir selbst beisteuern.“ Inzwischen sei der Etat nahezu komplett. „Es fehlen noch knapp 7000 Euro. Das sind die Hausaufgaben für die letzten Wochen. Aber das kriegen wir hin.“ Die Unterstützung für das Projekt sei großartig. „Alle finden es toll“, freut sich der Kirchenmusiker. Am 15. Oktober gehe es dann los. Zunächst mit dem Zug nach Kopenhagen, am Tag darauf dann per Direktflug nach Nuuk.

Getrennte Proben für gemeinsames Konzert

Während der Kammerchor das Requiem in Wilhelmshaven einstudiert, probt der etwa 20-köpfige „Nordisk Koncertkor“ in Nuuk. „In Deutschland würde sich kein Chor in dieser Größe an ein solches Werk wagen. Aber in Grönland sind sie voller Energie dabei, noch dazu in Deutsch. Wir sind im ständigen Austausch und ich bin total begeistert“, berichtet Junge. Dabei gebe es auch ungewöhnliche Töne zu hören, beispielsweise von den traditionellen Trommeln der Inuit, die statt klassischer Pauken zum Einsatz kommen. „Wenn wir am 16. Oktober in Nuuk ankommen, haben wir zwei Tage Zeit, um die Versatzstücke aus Wilhelmshaven und Grönland in Einklang zu bringen, um das Requiem dann gemeinsam mit knapp 90 Aktiven in einem großen Konzert im Kulturzentrum von Nuuk zu präsentieren.“

Die Vorfreude bei allen Beteiligten, sei riesig. Die anfängliche Distanz der Grönländer sei längst einer großen Vertrautheit gewichen. „Die Menschen sind es gar nicht gewöhnt, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. Ihnen ist eigentlich immer gesagt worden, was sie zu tun und zu lassen haben. Diese eingebrannten, biografischen Erfahrungen, gepaart mit den zum Teil ungeliebten Dänen und den aktuellen Trump-Fantasien – das alles prägt die Menschen und macht sie sehr skeptisch. Das konnten wir zumindest innerhalb dieses Kulturprojektes aufbrechen. Insofern hat es natürlich auch eine politische Dimension.“

Mehrfach war er im nördlichsten Kinderheim der Welt auf der grönländischen Insel Uummannaq zu Gast.

Bericht aus der Wilhelmshavener Zeitung vom 2. Oktober 2025
Text: Lutz Rector