Bewegende Momente nördlich des Polarkreises

Presse-Artikel über unsere Grönland-Reise: Kammerchor Wilhelmshaven zu Gast in Grönland – Gelebte Völkerverständigung – Gegenbesuch in Planung

Der erste Eindruck, den die knapp 60 Teilnehmer der Grönlandreise des Kammerchors Wilhelmshaven vor Ort gewannen, war eher enttäuschend. Kein Schnee, ganz viel Grau, ansonsten Steine und Felsen. So beschreibt es Kirchenmusiker Gerrit Junge, Leiter des Chores und Initiator dieser Reise. Bis zur Rückreise wenige Tage danach aber hatte sich die Gefühlswelt komplett gedreht. Tief beeindruckt von Land und Leuten machte sich der Tross schweren Herzens auf den Heimweg.

Reise mit vielen Herausforderungen

„Diese fünf Tage in Grönland waren ein wunderbarer Beweis dafür, was Musik erreichen kann“, bilanziert Junge in nur einem Satz. Tatsächlich war der Anlass dieser Reise ein musikalischer. Der Kammerchor wollte in Nuuk, der Hauptstadt der nordischen Insel, das deutschsprachige Requiem von Johannes Brahms zur Aufführung bringen – gemeinsam mit dem einheimischen und deutlich kleineren „Nordisk Koncertcor“ und unter Einbeziehung junger Musiker aus dem nördlichsten Kinderheim der Welt auf der grönländischen Insel Uummannaq. Das Projekt sei sehr ambitioniert gewesen, blickt Junge zurück. Aber eben auch so besonders, dass das Goethe-Institut mit ins Boot geholt werden konnte. „Ohne diese Zusage und die Unterstützung weiterer Sponsoren wäre das alles gar nicht möglich gewesen.“ Rund 80.000 Euro waren im Vorfeld veranschlagt worden.Schon die Hinreise sollte eine Herausforderung darstellen. Von Kopenhagen ging es per Direktflug nach Nuuk. Das Problem: Witterungsbedingt fällt diese Verbindung häufig aus. „Die Flüge vor und nach uns waren tatsächlich alle abgesagt worden. Nur unser konnte stattfinden und war pünktlich“, erzählt Junge. Bereits am nächsten Tag starteten dann die gemeinsamen Proben mit dem grönländischen Chor.

„Es war schon eine gewisse Anspannung zu spüren. Außerdem musste ich die Proben in Englisch abhalten, was mich schon gefordert hat. Aber es hat sich ganz schnell gefunden.“ Dann kamen auch die Jugendlichen aus Uummannaq dazu. „Das war der Schlüsselmoment“, sagt der Kirchenmusiker. „Sie haben von ihrem Leben, das meist mit sehr viel tragischen Ereignissen verbunden ist, erzählt und ihre Lieder gesungen. Alle ruhten in sich selbst und strahlten das auch nach außen aus. Es sind viele Tränen geflossen – auch bei mir. Das war ein wahnsinnig beeindruckendes Ereignis, der vermutlich bewegendste Moment der ganzen Reise. Schon allein dafür hat sich der Aufwand gelohnt.“ Zugleich sei es der Punkt gewesen, an dem an ihm klar war, das Projekt wird funktionieren. „Jetzt konnte ich es laufen lassen und es genießen.“

Zwischen den Proben nahmen sich die Wilhelmshavener die Zeit, die Umgebung zu erkunden. „Bei einer ersten Bergwanderung war es total nebelig. Aber je höher wir kamen, desto besser wurde das Wetter. Ganz oben war es dann richtig schön und wir hatten einen tollen Blick auf Nuuk. Da entwickelt man Verständnis für die hohe Naturverbundenheit der Grönländer.“

„So hat die Welt Brahms noch nie gehört“

Dann kam der große Abend. Ein ausverkauftes Konzert mit rund 450 Besuchern und einem TV-Sender vor Ort. „In Nuuk wusste wirklich jeder von diesem Konzert“, sagt Junge. Es sollte der erhoffte Erfolg werden. Die Symbiose aus dem Requiem und traditioneller, grönländischer Musik und den dazugehörigen Trommeln – „so hat die Welt Brahms noch nicht gehört“, ist Junge überzeugt. Der Applaus sei entsprechend gewesen. „Die Leute klatschen dort aber nur drei Minuten, dann ist es vorbei und sie gehen. Auch so eine Erfahrung.“ Bei der After-Show-Party herrschte ausgelassene Stimmung. „Hier habe ich erstmals erfahren, dass die Grönländer ganz schön skeptisch gewesen sind, als wie von der Idee mit dem Requiem hörten. Am Ende waren aber alle total begeistert.“

Ein Workshop mit 300 Schülern und eine Tour mit dem Wasser-Taxi entlang der Küste bei „totaler Stille“ rundeten die Reise ab, bei der der musikalische Ansatz zur gelebten Völkerverständigung werden sollte. Die soll nun im kommenden Jahr fortgesetzt werden – mit einem Gegenbesuch zu Pfingsten in Wilhelmshaven. Die Vorbereitungen sind bereits angelaufen .

Zwischen Proben und Auftritten wurde die Zeit genutzt, um die Natur rund um Nuuk kennenzulernen. Ein Chor dieser Größenordnung ist in Nuuk nur äußerst selten zu erleben.