Bericht zur 1. Veranstaltung des Internationalen Kulturaustauschs (IKA)

Fr., 22.05.26, 11.30 -13.00 Uhr Aula NGW

11.13 Uhr. Noch gleicht die Aula eher einem Proberaum als einem Veranstaltungssaal. Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen stellt Gerrit Junge sein kleines Ensemble zur letzten Probe und stimmt mit der Technikcrew den Sound ab. Um 11.30 ist Einlass und die 350 Plätze der Aula des NGW sind schnell mit den Schülern der Oberstufe des NGW bis fast auf den letzten Platz besetzt. Stefan Fischer, Schulleiter des Neuen Gymnasiums begrüßt die Anwesenden herzlich und überrascht die grönländischen Gäste mit einem fast akzentfreien „Tikkilluaritsi“. Das ist grönländisch und heißt „Herzlich Willkommen“. Für ihn und damit dem Neuen Gymnasium ist es eine große Ehre, das Programm des internationalen Kulturaustauschs eröffnen zu dürfen. Er erhofft sich von dieser Begegnung einen regen Austausch, der ganz allgemein zu einem Verständnis für andere Kulturen führen soll. Dieses Verständnis sei in diesen Zeiten nicht immer zu finden.

Im Anschluss nimmt Gerrit Junge, Projektleiter des IKA, das Publikum visuell mit auf die Reise nach Uummannaq zum nördlichsten Kinderheim der Welt, aus dem Kinder, Jugendliche und ihre Begleiter Mitte der Woche angereist sind. In seinem Bericht schwingt Begeisterung mit. Begeisterung über die Majestät der Landschaft, die Faszination des Lichts und nicht zuletzt über die Herzlichkeit der Menschen. Im Kinderheim selbst ist die musikalische Ausbildung das Grundprinzip der pädagogischen Arbeit. Die traditionellen musikalischen Wurzeln der Inuit mit ihren Gesängen, Tänzen und der Trommelmusik sind dabei ein wesentlicher Bestandteil. Ein erster Song der Musikgruppe aus Uummannaq, die sich aus den Kindern, Jugendlichen und Musiktherapeuten des Kinderheims zusammensetzt, bringt den Zuhörenden sehr gefühlvoll die Schönheit ihrer Welt nahe.

Zur Erinnerung. Die Veranstaltung findet in einem Gymnasium statt. Da darf Wissensvermittlung nicht fehlen. Gerrit Junge, der bis vor 10 Jahren selbst noch als Lehrer am NGW tätig war, hat ein kleines Wissensquiz vorbereitet. Einige Schüler scheinen gut vorbereitet. Viele Antworten überraschen die Schüler aber auch. Wie z. B. die, dass die Handyprokopfzahl in Grönland (1,17 Handys pro Einwohner) nahezu identisch mit der in Deutschland (1,31 Handys pro Einwohner) ist. Und um mit eventuellen Vorurteilen aufzuräumen kann Gerrit Junge davon berichten, dass er auf einer Schlittenhundtour mitten auf dem Eis bei einer Lunchpause seine Getränke per Handy bezahlen konnte. Willkommen auf Grönland, einer Insel mit fast lückenloser Netzabdeckung. Natürlich darf in diesem kurzen Wissensblock der aktuelle Focus, in dem Grönland aus den unterschiedlichsten Gründen zurzeit steht, nicht außer Acht gelassen werden. Die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessenlagen werden stichpunktartig und prägnant vermittelt.

Dann aber wieder Musik. Sila – das Wetter. Die Kälte küsst die Haut. Zwei Gitarren, ein Bass und sechs wunderbare Sängerinnen haben von der Kälte so gar nichts spüren lassen.

Ein absolutes Highlight der Veranstaltung kommt jetzt. „Sikoqqinngisaannassooq“ – Was so viel heißt wie eine Zukunft ohne Meereis. Ein Dokumentarfilm des australischen Filmemacher Andrew Sebire. Der ist unter der Mitwirkung der Kinder und Jugendlichen des Kinderheims entstanden und hinterlässt beim Publikum einen großen Eindruck. Thematisch werden die unterschiedlichen Zustände des sich durch den Klimawandel verändernden Eises beschrieben. Welche Auswirkung hat das auf die traditionelle Lebensweise der Grönländer und wie verändert es sie? Es ist beklemmend, wenn die älteren Einwohner von Uummannaq berichten, wie schnell und radikal sich dadurch ihr Leben verändert und sie vor noch nicht überschaubare Herausforderungen stellt.

Die folgende traditionelle Musik mit Quillats, den grönländischen Trommeln und Tänzen aus West- und Ostgrönland unterstreicht noch einmal die tiefe Naturverbundenheit, ja Verwurzelung der Innuit mit ihrer Heimat, ihrer Insel, ihrem Grönland.

Eine andächtige Stille durchzieht das Auditorium. Das Publikum ist ganz im Bann dieser Jahrtausende alten Gesänge und Tänze und spürt die ursprüngliche, unverfälschte und wertschätzende Einheit dieser Menschen mit ihrer Umwelt.

Was folgt ist gelebter Kulturaustausch. Lina und Liz, zwei Studentinnen aus Deutschland haben ein Auslandssemester im Kinderheim in Uummannaq absolviert. Begeistert berichten sie über ihren Aufenthalt. Lina hat während des Aufenthalts einen Song geschrieben. „Im Meer meiner Gedanken“. Der ist für ihre Oma, die vor kurzem verstorben ist und wie ihre Enkeltochter, ihr Herz an Grönland verloren hat.  Eine Strophe ist als Zeichen der Verbundenheit in grönländisch verfasst. Gemeinsam tragen deutsche und grönländische Jugendliche die gefühlvolle Ballade vor.

Am Ende kommen noch einmal alle Musiker auf die Bühne. „We are the world“ ist genau der richtige Abschluss für die Auftaktveranstaltung eines internationalen Kulturaustausches. Das Publikum stimmt rhythmisch klatschend mit ein und bedankt sich mit einem langanhaltenden Applaus beim gesamten Ensemble für einen großartigen Vortrag über ein großartiges Land.