Freitag, 22.05.26, 18.00 bis 20.00 Uhr
Wattenmeer-Besucherzentrum Wilhelmshaven
Die politischste Veranstaltung des IKA. Und wie sollte es dieser Tage auch anders sein beginnt sie zunächst mit einer schlechten Nachricht. Daniel Reichherzer von der Wilhelmshavener Wirtschaftsförderung muss die Zuhörer in einem gut gefüllten Auditorium darauf hinweisen, dass Aleqa Hammond auf Grund eines gestrichenen Fluges verspätet in Wilhelmshaven eintreffen wird. Und jetzt? Macht IKA-Projektleiter Gerrit Junge aus der Not eine Tugend. In diesem Fall eine Stunde unterhaltsames Wissensentertainment. Dabei gibt er auch einen kurzen Einblick in die Besonderheiten der grönländischen Straßenverkehrsordnung. „Achtung! Vorbeifahrender Schneeschlitten“ ist ein, auf deutschen Straßen eher unbekanntes Verkehrsschild. Zwischendurch führen die jugendlichen Musiker des Children’s home Uummannaq mit ihrer Musik einfühlsam und berührend in die Traditionen der Inuit ein. Oberbürgermeister Carsten Feist kann auf Grund der Terminverschiebung leider nicht kommen. Im Namen des Rates und der Verwaltung der Stadt Wilhelmshaven lässt er herzliche Grüße ausrichten.
Um 19.00 Uhr ist es dann so weit. Aleqa Hammond, die ehemalige Regierungschefin Grönlands, trifft ein. Von der stressigen Anreise ist ihr nichts anzumerken. Kurz zuvor hatten Moderator Karsten Hoeft von Radio Jade und Konteradmiral a. D. Thorsten Kähler die Podiumsdiskussion mit dem Thema „Grönland im Focus geopolitischer Wirtschaftsinteressen“ eröffnet. Dabei macht Thorsten Kähler deutlich, dass die drei Großmächte China, Russland und die USA versuchen eine neue Weltordnung aufzubauen. Grönland hat dabei geostrategisch eine große Bedeutung. Von hier aus kann der Nordpolarraum durch Luftstützpunkte kontrolliert werden. Die durch den Klimawandel verursachte Eisschmelze macht den Weg frei zu unvorstellbar großen Rohstoffvorkommen und für neue, kürzere Handelsrouten. Um sich entsprechend große Anteile zu sichern, hat jede der drei handelnden Parteien ihre eigene Strategie. Russland positioniert sich mit einer starken Militärpräsenz. China versucht über großzügige Investitionsangebote Abhängigkeiten zu schaffen. Die amerikanische Ausrichtung ist eindeutig und zielt aktuell auf Inbesitznahme von Landflächen durch neue Stützpunkte ab. Aleqa Hammond bringt es in gutem Deutsch auf den Punkt. Es geht hauptsächlich um die außerordentlich großen Vorkommen an Bodenschätzen, wie z. B. Kupfer, Zink und vor allen Dingen die seltenen Erden. Deren unerschlossene Vorkommen sind die größten außerhalb Chinas. Zur Erschließung und Ressourcen schonendem Abbau werden seitens Grönlands aktiv zuverlässige Investoren gesucht.
Ein weiteres Problem entsteht am Nordpol. Sollte sich die Entwicklung der errechneten Klimamodelle fortsetzen, wird der Nordpol in 20 Jahren im Sommer eisfrei sein. Unermesslich große Fischbestände sind dann im Visier großindustrieller Fischereiflotten, die, wie Konteradmiral a. D. Kähler hinzufügt, seitens China jetzt schon paramilitärisch abgesichert sind. Das veranlasst Aleqa Hammond zu der Aussage, dass es absolut notwendig ist, frühzeitig unter der Beteiligung Grönlands Schutzzonen und Fangquoten vertraglich festzulegen. Insgesamt sieht sie bei dieser sich anbahnenden Entwicklung anhand von nur 56.800 Einwohnern die Gefahr eine Minderheit im eigenen Land zu werden.
Karsten Hoeft Karsten vergleicht Grönland mit einem Archipel. Das Inlandeis als Meer an dem die einzelnen Ortschaften, wie an einer Perlenkette aufgereiht, liegen. Wie beschreibt Aleqa Hammond Grönland? Das ist natürlich ihre Frage. Die Begeisterung für Kalaallit Nunaat, so heißt Grönland in der Sprache der Inuit, schwingt in jedem Satz mit. 70 Orte sind es, in denen die Grönländer leben und alle verbindet sie die Liebe zu ihrer Heimat. Über Tausende von Jahren haben die Menschen in der Arktis überlebt. Das heißt mitunter monatelang ohne Sonnenlicht zu leben, unter das unter klimatisch rauesten und kältesten Bedingungen. Die Inuit haben die größten Tiere der Welt gejagt und dabei Geduld zu lernen. Auf die Frage von Karsten Hoeft nach dem Verhältnis zu Dänemark wird sie deutlich. Niemand habe die Grönländer danach gefragt, ob sie ein Teil Dänemarks werden wollten. Sie wurden gegen ihren Willen vor über 300 Jahren zwangsannektiert. Ein großer Schritt in Richtung Unabhängigkeit war 2009 der Übergang in die Selbstverwaltung. Mittlerweile habe man eine gute Balance zu Dänemark gefunden, wobei die Unabhängigkeit nach wie vor das erklärte Ziel sei, das sie noch In ihrem Leben erreichen will. In dieser Zeit, wo Grönland massiv umworben, ja fast schon umkämpft wird, ist es wichtig zusammenzurücken, wirft Konteradmiral a.D. Kähler ein. Aleqa Hammond weist darauf hin, dass die Inuit noch nie Krieg geführt haben, und bekommt dafür großen Beifall. Grönland betrachte sich kulturell und politisch nicht als ein Teil von Europa. Es werden allerdings starke Allianzen gesucht. Dabei spielt die EU eine große Rolle.
Ein weiterer Teilnehmer der Podiumsdiskussion ist Susan Schäfer-Biscan vom Energy Hub der Stadt Wilhelmshaven. Ihr Hinweis, Wilhelmshaven sei eine der großen Energiedrehscheiben Europas und stehe Grönland mit einem großen Netzwerk an Energieversorgern, Dienstleistern und Technologieentwicklern zur Verfügung ist für Aleqa Hammond ein gutes Stichwort. Auf Grund der Eisschmelze ist die Energiegewinnung durch Wasserkraftwerke aktuell die kostengünstigste und natürlich auch die umweltschonendste Lösung. 75% werden zurzeit aus fünf Wasserkraftwerken gewonnen. Bis 2030 sollen es 100% sein. Durch die Eisschmelze wird auch eine große Menge an Trinkwasser zur Verfügung stehen. Das ist eine Ressource, die zukünftig global eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen kann. Grönland ist auch Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens.
Zur Schlussrunde stellt Karsten Höft die Frage nach der Zukunftsaussichten Grönlands. Susan Schäfer-Biscan vom Energy Hub macht noch einmal deutlich, wie wichtig stabile und sichere Netzwerke im globalen Wirtschaftssystem sind. Wenn die Welt im Wandel ist, muss die Region in Bewegung bleiben. Das kann auch Grönland zukünftig helfen den Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen voranzutreiben. Konteradmiral a.D. Kähler wünscht Grönland strategisch und wirtschaftlich die richtigen Partner. Das letzte Wort hat Aleqa Hammond. Wir wollen kein China. Wir wollen kein Amerika. Wir wollen auch kein Russland. Wir wollen Herr im eigenen Haus sein und suchen uns dazu verlässliche und starke Allianzen. Die lebendige Diskussion hat nicht nur Moderator Karsten Höft neue Einblicke in die aktuelle Lage im und am Nordpolarmeer vermittelt. Auch die Zuhörer bedanken sich mit einem starken Applaus für die Schilderung der aktuellen Situation aus grönländischer Sicht und die erkennbare Bereitschaft zur Kooperation auf Augenhöhe von allen Seiten.
PS.: Was ist grönländischer Humor? Wenn nach der Veranstaltung der Konteradmiral a.D. im Lift höflich bemerkt „Frau Hammond, ihr Deutsch ist wirklich gut.“ und Frau Hammond darauf trocken antwortet „Herr Konteradmiral, ihrs aber auch.“ Das ist grönländischer Humor.
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