Bericht zur 3. Veranstaltung des Internationalen Kulturaustauschs (IKA)

Ein Requiem, das nicht in der klassischen Diktion komponiert ist und Musik der Inuit über das Leben und Sterben?  Der Kontrast zwischen den Kulturen ist groß und noch steht die Frage im Raum, wie dieses Programm den Blick für neue Perspektiven auf alte Fragen der Menschheitsgeschichte öffnet. Eine musikalische Entdeckungsreise, zu der Dirigent Gerrit Junge wagemutig und mit großer Vorstellungskraft gemeinsam mit dem Kammerchor Wilhelmshaven und jungen grönländischen Musikern aus dem Childrens Home Uummannaq aufbricht, wird Antworten geben. Was das mit den Zuhörenden und den Musizierenden macht, wird sich im Laufe des Abends zeigen.

Samstag, 23.05.26, 17.00 bis 19.00 Uhr
Christus- und Garnisonskirche

Begegnung von Trauermusikkulturen

Zunächst heißt es dem schönen Wetter Tschüss zu sagen und sich 100 Minuten einer besonderen Musik hinzugeben, ohne zu klatschen – und das ist hartes Brot. So begrüßt Pastor Frank Morgenstern das Publikum in der vollbesetzten Christus- und Garnisonskirche in seiner gewohnt frischen Art. Den ersten Applaus bekommen die Musiker bereits ohne einen einzigen Ton gesungen bzw. gespielt zu haben. Das liegt an seiner Schilderung über den enormen Aufwand den alle Akteure zusammen mit Gerrit Junge, der auch gleichzeitig IKA-Projektleiter ist, betreiben mussten, um dieses Konzert auf die Beine zu stellen. An dieser Stelle hebt er besonders hervor, dass dies ohne die massive Unterstützung von Stiftungen, Kooperationspartnern und Sponsoren nicht realisierbar gewesen wäre.

Dann ist es so weit. Erwartungsvolle Stille kehrt ein und das Konzert beginnt. Vom ersten Takt an erzeugt der Chor eine dem Thema angemessene, glaubhafte Atmosphäre und nimmt die Zuhörer sofort mit. Die Stimmen scheinen zu schweben. Hochkonzentriert folgen sie dem Dirigat von Gerrit Junge, um am Ende des ersten Satzes hin zu Klängen weit weg von abendländischen Hörgewohnheiten zu führen. Trommeln sind es, grönländische Qilaats, die die Zuhörer erwarten. Die lassen etwas von der tiefen Verbundenheit zwischen den Inuit und ihrer Welt erahnen, die über das Fassbare, das Zeitliche hinausgeht. So folgt dem zweiten Satz des Deutschen Requiems ein auf den ersten Blick schlicht anmutendes grönländisches Lied, dessen Text im aufwendig gestalteten Programmheft abgedruckt ist und beim Lesen berührende Fragen über das Vermissen aufwirft. Genau von dieser Spannung lebt das Konzert. Gerade der Kontext, in dem die Stücke stehen, macht es aus, dass die Zuhörenden verspüren, dass es die Liebe ist, die der Trauer einen Fixpunkt schenkt. Da türmen sich schier unauflösbar scheinende, ineinander verschachtelte Stimmsätze Dank der fantastischen Akustik der Christus- und Garnisonskirche zu beeindruckenden Klangkulissen auf. Im nächsten Augenblick legen zwei Akustikgitarren in offenen Akkorden den Grund für eine warme leichte Melodie, die von vier jungen grönländischen Sängerinnen sanft darübergelegt wird. Eine Klangreise, die wie eine Kajakfahrt hinausführt in einen stillen Fjord und Ruhe und Besinnung unter den Zuhörern aufkommen lässt. Doch damit ist urplötzlich Schluss und die Radikalität der Kontraste erreicht Anfang des dritten Satzes ihren Höhepunkt. Mit Kraft und Eindringlichkeit erhebt sich der Bassbariton von Manfred Bittner zur Bitte um Weisheit und Trost. Das sind die großen Momente dieses Konzerts, von denen es viele gibt. Da ist Sofia Hernandez, die anstatt der Pauke die schon erwähnte grönländische Quilaat schlägt und damit eine frische Klangfarbe erzeugt, die ansteckt und zum Aufbruch aufruft. Es ist eine große Freude dieser Musikerin bei ihrem hingebungsvollen Spiel, bei ihrer augenzwinkernden Interaktion mit den anderen Musikern zuzusehen. Während Gerrit Junge seinen, allen gesanglichen Herausforderungen gewachsenen Kammerchor mit sicherer Hand durch das brahmsche Gezeitenmeer seelischer Empfindungen führt, erreicht das Konzert Ende des vierten Satzes seinen nächsten Höhepunkt. Die Instrumente verstummen. Stille kehrt ein. Stimmen vereinen sich zu einem interkulturellen Chor.  Andächtig singen sie auf grönländisch „Qujavunga“ von Tönnes Kreutzmann. Ein Lied über die Verbindung von Mensch und Natur. So schreibt einer, der sie hat. Das ist tröstend. Thematisch und kulturell. Das darauf einsetzende Sopransolo von Ute Engelke greift den Seelentrost in einem hellen klaren Ton auf und macht ihn dank der gefühlvollen und ausdrucksstarken Interpretation zur Gewissheit.

Was aber trägt diese berührenden Lieder, was verleiht ihnen gerahmte Struktur? Diese Aufgabe übernimmt, ohne sich von den hoch aufschlagenden Melodieschwüngen aus der Ruhe bringen zu lassen, das vierhändige Klavierspiel der Pianisten Julian Wolff und Simon Kasper. Unaufgeregt und punktgenau im Anschlag sorgen sie für transparente Linearität. Inhaltlich ergänzen sich die Texte von Heidinnguaq Vivi Jensen und die der Bibel wunderbar und der Blick aus unterschiedlichen Perspektiven lässt erkennen, wie Trauer kulturelle Grenzen überwindet und Menschen zeigt, wie tief sie im Grunde miteinander verbunden sind. Ist das am Ende auch eine Antwort, ein Trost, dass nicht die Herkunft über Gefühle und Mitempfinden für den Nächsten entscheidet? Der langanhaltende Applaus nach dem Schlussakkord spricht seine eigene Sprache. Standing Ovations eine andere. Denn die gebühren zu Recht den Musizierenden für ihre beeindruckenden Vorträge. Ob akzentuiert hingetupfte Klavierbegleitung oder ein locker eingestreutes Gitarrensolo. Die lebendige, farbenfrohe Qilaat oder der rhythmisch tragende Bass. Ein brillanter Solovortrag oder der differenzierte Chorgesang. Alle haben überzeugt. Alle haben begeistert. Und vielleicht ist es erst die kontrastreiche Diversität zweier unterschiedlich geprägter Kulturen, die dem Konzert eine ganz eigene und unverwechselbare Atmosphäre schenkt. Allen Musikern ist anzumerken, wie sehr sie mit dem Projekt verbunden sind. Gemeinsam liegen sie sich nach diesem grandiosen Konzert in den Armen und freuen sich mit den Zuhörenden einen unvergesslichen Konzertabend gestaltet und erlebt zu haben.