Drei Chöre, ein gemeinsamer Klang – Begegnung in Berlin zum 100. Geburtstag Hermann Obers

Was verbindet drei Kammerchöre aus Berlin, Magdeburg und Wilhelmshaven miteinander? Zunächst einmal einiges. Alle drei gehören zu den Ensembles der Neuapostolischen Kirche Nord- und Ostdeutschland, alle widmen sich anspruchsvoller Chormusik und alle verbindet der Anspruch, Kirchenmusik über den normalen Gemeindealltag hinaus zu gestalten. Und doch hat jeder dieser Chöre seine eigene Geschichte, seinen eigenen Klang und seine eigene musikalische Handschrift.

Vom 28. bis 30. August führt eine gemeinsame Konzertreise den Hermann-Ober-Chor unter der Leitung von Volker Hedtfeld, den Kammerchor Magdeburg mit seinem Dirigenten Jens Petereit und den von Gerrit Junge geleiteten Kammerchor Wilhelmshaven nach Berlin. Im Mittelpunkt des Wochenendes stehen das gegenseitige Kennenlernen, gemeinsames Singen, Zuhören und der musikalische Austausch. Einen besonderen Anlass dafür gibt es auch: 2026 wäre Hermann Ober 100 Jahre alt geworden.

Hermann Ober (1926–2006) gilt als besonderer Pionier systematischer, professioneller und nachhaltiger musikalischer Arbeit innerhalb der Neuapostolischen Kirche im deutschsprachigen Raum. Sein musikalisches und verlegerisches Schaffen hat Strukturen gelegt, von denen die Kirchenmusik bis heute profitiert. Sein Bestreben, exemplarische Arbeit auf hohem Niveau zu leisten und gleichzeitig musikpraktische Literatur für die Gemeindemusik zu schaffen und verfügbar zu machen, hat insbesondere während seiner Tätigkeit als Leiter der Musikalienabteilung des Friedrich Bischoff Verlages eine musikalische Förderung auf breiter Ebene bewirkt.

100 Jahre nach seiner Geburt wird seine Musik nun zum verbindenden Element einer neuen Chorbegegnung.

Konzert

Drei Chöre an einem Abend – das verspricht zunächst einmal Vielfalt. Und genau die soll zu hören sein. Die Kirche in Prenzlauer Berg ist gut besucht, wenn auch nicht ganz vollbesetzt, als die drei Ensembles gemeinsam zu ihrer musikalischen Begegnung zusammenkommen. Einen klassischen Moderator braucht es dabei nicht. Volker Hedtfeld, Jens Petereit und Gerrit Junge stellen ihre jeweiligen Programmblöcke selbst vor und geben den Zuhörenden damit einen Einblick in die Gedanken hinter der Auswahl ihrer Musik. Und die könnte unterschiedlicher kaum sein. Da trifft die intensive Beschäftigung mit dem protestantischen Choral auf romantische Psalmvertonung, zeitgenössische geistliche Chormusik auf Spiritual und lateinische Messetexte. Jeder Chor bekommt Raum für seine eigene musikalische Handschrift. So entsteht kein Konzert eines großen, einheitlichen Ensembles, sondern eine tatsächliche Begegnung dreier Chöre.

Dazwischen verändert sich immer wieder das Bild. Aus den drei Ensembles wird ein gemeinsamer Chor. Was die einzelnen Programmblöcke voneinander unterscheidet, wird durch die Musik Hermann Obers miteinander verbunden. Ganz bewusst bezeichnet das Programmheft seine kleinen Kompositionen deshalb als „verbindendes Scharnier“ des Abends.
„Wie lieblich sind auf den Bergen“, „Gnade sei mit euch“, „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes“, „Eine Botschaft voll Erbarmen“ und das titelgebende „Halleluja“ stehen zwischen den Programmteilen.  Gerade darin liegt eine schöne Symbolik: Die Musik des Mannes, an dessen 100. Geburtstag an diesem Wochenende erinnert wird, trennt die drei Chöre nicht in Vergangenheit und Gegenwart, sondern führt sie immer wieder zusammen.

Dass diese Erinnerung an Hermann Ober an diesem Abend eine sehr persönliche Verbindung bekommt, liegt an einem besonderen Gast unter den Zuhörenden. Reinhard Ober, der jüngste Sohn Hermann Obers, erlebt das Konzert in Prenzlauer Berg mit. So wird aus dem Gedenken an einen bedeutenden Kirchenmusiker zugleich die Erinnerung an einen Vater, dessen Musik Jahrzehnte später von einer neuen Generation von Sängerinnen und Sängern weitergetragen wird.

Vielleicht passt gerade diese Form der Würdigung besonders gut zu seinem Wirken. Hermann Ober wollte musikalische Qualität nicht auf wenige herausgehobene Ensembles beschränken. Sein Anspruch war es, anspruchsvolle Kirchenmusik und praktische Gemeindearbeit miteinander zu verbinden. Nun stehen 100 Jahre nach seiner Geburt drei Chöre aus unterschiedlichen Regionen gemeinsam in Berlin und lassen genau diese Verbindung hörbar werden.

Und doch geht es an diesem Abend nicht ausschließlich um Hermann Ober. Die einzelnen Programmteile dürfen ganz bewusst ihre eigenen Wege gehen. Der Berliner Chor beschäftigt sich unter anderem intensiv mit Paul Gerhardt und dem Choral, Magdeburg spannt seinen musikalischen Bogen bis zu Mendelssohns eindringlichem Psalm 22 und Wilhelmshaven führt mit seinem Programm bis in die englischsprachige Chormusik und zum Spiritual.  So werden Unterschiede nicht geglättet, sondern zum eigentlichen Reiz der Begegnung. Am Ende sind es dann wieder Gemeinsamkeit und Glaube, die das letzte Wort bekommen. Jens Lange richtet abschließende Worte an Sängerinnen, Sänger und Zuhörende und beendet den Konzertabend mit einem gemeinsamen Gebet.

Was bleibt, ist mehr als die Erinnerung an drei unterschiedliche Konzertprogramme. Die Chöre sind nach Berlin gekommen, um sich gegenseitig kennenzulernen, zusammen zu singen, sich auszutauschen und einander zuzuhören – eine Begegnung, die von Freundschaft, Interesse und gegenseitiger Wertschätzung geprägt sein soll. So haben es die drei Chorleiter selbst für dieses Wochenende formuliert. Und vielleicht zeigt sich gerade an diesem Abend, dass Gemeinsamkeit nicht voraussetzt, musikalisch gleich zu sein.

Gemeinsamer Gottesdienst

Am Sonntagmorgen geht die Begegnung weiter. Nach dem Konzert in Prenzlauer Berg kommen die Sängerinnen und Sänger in der Neuapostolischen Kirche Berlin-Charlottenburg noch einmal zusammen. Diesmal verändert sich die Aufgabe der Musik. Was am Vorabend bewusst als Konzertprogramm präsentiert wurde, wird nun Teil des Gottesdienstes und damit Teil jener kirchenmusikalischen Praxis, für deren Entwicklung sich Hermann Ober über viele Jahre eingesetzt hat.

Auch Reinhard Ober ist wieder dabei. Dass der jüngste Sohn Hermann Obers sowohl das Jubiläumskonzert als auch den gemeinsamen Gottesdienst miterlebt, schlägt eine besondere Brücke zwischen dem Menschen, an den dieses Wochenende erinnert, und den Sängerinnen und Sängern, die sein musikalisches Erbe heute weitertragen.

Doch Hermann Ober ist an diesem Sonntag nicht das einzige außergewöhnliche Jubiläum. Im Gottesdienst wird eine Gnadenhochzeit gefeiert: 70 gemeinsame Ehejahre. Wie außergewöhnlich diese Zeitspanne ist, bringt der Dienstleiter mit einem bemerkenswerten Vergleich auf den Punkt: Als das Ehepaar 1956 heiratete, war die Berliner Mauer noch nicht einmal gebaut.

So begegnen sich an diesem Wochenende auf besondere Weise Vergangenheit und Gegenwart: eine außergewöhnlich lange gemeinsame Lebensgeschichte, die Erinnerung an einen vor 100 Jahren geborenen Kirchenmusiker und drei Chöre, die dessen Musik bis heute weitertragen.

Als die gemeinsame Zeit am Sonntag zu Ende geht, liegen hinter den Sängerinnen und Sängern deshalb nicht einfach ein Konzert und ein Gottesdienst. Drei Chöre haben einander kennengelernt, einander zugehört und miteinander gesungen. Sie haben ihre unterschiedlichen musikalischen Handschriften gezeigt und zugleich erlebt, wie daraus etwas Gemeinsames entstehen kann.

Vielleicht ist genau das eine passende Würdigung für Hermann Ober. Denn nachhaltige musikalische Arbeit zeigt ihren Wert nicht allein darin, dass Noten und Kompositionen erhalten bleiben. Sie zeigt ihn dort, wo Menschen diese Noten wieder in die Hand nehmen, miteinander proben, singen, zuhören und die Musik weitertragen. 100 Jahre nach seiner Geburt ist Hermann Obers Musik damit nicht nur Erinnerung. Sie tut noch immer das, wofür sie einmal geschrieben wurde: Menschen miteinander singen zu lassen.